Call for Papers: Eine vergessene Zeit? Die Geschichts- und Erinnerungskultur des Ersten Weltkriegs

Auch geschichtsdidaktische Beiträge sind willkommen! CfP für die Tagung vom 15.9.2016-16.9.2016 im Historischen Museum Thurgau in Frauenfeld.

Obwohl der Erste Weltkrieg als weltumspannender Krieg nicht die ganze Welt gleich getroffen hat, war die «Urkatastrophe» des 20. Jahrhunderts auch in den von direkten Kriegshandlungen verschonten Gegenden präsent und prägend. Wie aktuelle Forschungen zeigen, trifft dies auch auf neutrale Staaten zu, die in vielen Bereichen wie Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und humanitärer Hilfe eng mit den Kriegsereignissen verflochten waren. Damit existieren in allen Ländern Europas sowohl Erinnerungen an diese Kriegszeit wie auch zu Erzählungen verdichtete Kriegs-Erfahrungen. 

Das «Nachleben» des Ersten Weltkrieges in der Geschichts- und Erinnerungskultur hat allerdings unterschiedlichste Ausprägungen erfahren, wie auch die Motive für die geschichtskulturelle Nutzung der Erinnerung entsprechend vielfältig sind: Bewältigung der Trauer, Sinnstiftung für die erlittenen Verluste, Stabilisierung der politischen Eliten, Deutungsmodelle für Neutralität, Konstruktion nationaler Identität, Revanchismus und andere. Exemplarische Studien zeigen, wie stark der Erste Weltkrieg zudem durch den Zweiten Weltkrieg und durch nachfolgende Konflikte überlagert und „verschüttet“ wurde.

Über die nationale Erinnerungskultur hinaus dient der Erste Weltkrieg seit einigen Jahren als Baustein für die Konstruktion einer transnationalen Erinnerungskultur im Zuge des politischen Projekts Europa. Dagegen stellen sich die heterogenen, stark national geprägten Erzählungen, die weiterhin identitätsstiftend bleiben und mit den gesamteuropäischen Erinnerungsnarrativen nur wenig in Dialog treten. 

Ebenfalls nur schwer in die transnationalen Erzählungen eingliedern lassen sich die existierenden regionalen Narrative: Diese sind widerständig sowohl zur europäischen «Meistererzählung» wie auch zu den national funktionalisierten Narrativen. Die Ambivalenzen nationalfixierter wie regionenspezifischer Ausrichtungen der Geschichtskultur zeigen sich nicht nur bei ehemaligen kriegführenden Mächten, sondern auch bei Neutralen wie der Schweiz. Regionale Tradierungen sind zwar stark von nationalen Erzählungen dominiert und überlagert worden, trotzdem weisen sie regionale Eigenlogiken auf, die auch widersprüchlich sein können. So sind in der Ostschweiz beispielsweise lokale und regionale Geschichtserzählungen aufzufinden, die einerseits auf eine «geteilte» (im doppelten Wortsinn) Geschichte der Grenzregion zu Deutschland und zu Österreich hinweisen. Andererseits findet sich darin auch eine ambivalente Gleichzeitigkeit von industrialisierten Regionen mit einer politisierten Arbeiterschaft und einem stark bürgerlich-militärisch geprägten Selbstverständnis, die Teil einer ungeschriebenen «Konfliktgeschichte» sind. 

Wir interessieren uns für die unterschiedlichen Formen und Funktionen der Präsenz des Ersten Weltkriegs in der Geschichts- und Erinnerungskultur der letzten hundert Jahre. Der Zeitraum reicht dabei von der unmittelbaren Nachkriegszeit 1918 bis zum aktuellen durch das Centenaire 2014 befeuerten Hype um den «Grossen Krieg».

Die Tagung stellt Fragen 

- nach der mit Elementen der Kriegszeit erzählten Narrationen und deren Veränderungen von 1918 bis zur Gegenwart

- nach privaten, familiären, gruppen-, schicht- oder geschlechtsspezifischen Erzähltraditionen und deren Funktionalisierungen oder Marginalisierung.

- nach regionalen, subnationalen und nationalstaatlichen Unterschieden in der „Erinnerung“ an den Krieg

- nach Versuchen zur Konstruktion eines transnationalen Gedenkens an den Krieg und den damit verbundenen (geschichts-)politischen Implikationen.

- nach den Möglichkeiten der Schaffung eines grenzüberschreitenden Erfahrungsraums in der Geschichtskultur.

- nach den vielfältigen Akteuren geschichtspolitischer Aktivitäten (Soldatenverbände, Parteien, staatliche Organisationen, zivilgesellschaftliche Vereine, Historikerschaft).

- nach den politischen Verwendungszusammenhängen der Erzählung über den Ersten Weltkrieg (Geistige Landesverteidigung, nationalsozialistische Propaganda, aktuelle Neupositionierung Deutschlands innerhalb Europas) und deren Brüche und Neuorientierungen.

 - nach dem Umgang mit unterschiedlichen Gedenkformen und Interpretationen des Krieges, sowie nach (gescheiterten) Versuchen, eine hegemoniale Lesart vorzugeben.

- nach der Rolle der Geschichtswissenschaft und deren Umgang mit geschichtskulturellen Phänomenen und populärer Erinnerungskultur.

- nach zivilgesellschaftlichen und historiographischen Debatten über den Ersten Weltkrieg.

- nach dem Einfluss von Jubiläen und Gedenktagen auf die öffentliche Präsenz des Ersten Weltkriegs, auf das verhandelte Geschichtsbild und auf die geschichtswissenschaftliche Forschung.

- nach materialisierten Formen der Erinnerung und des Gedächtnis (Soldatendenkmäler, Kriegsgräberstätten, Friedhöfe) und deren (konfliktreichen) Nutzungen.

- nach pädagogisch-didaktischen Umsetzungen (Lehrmittel, Unterrichtsmaterialien) und den ihnen zugrundeliegenden Erzählungen über den Ersten Weltkrieg.

- nach populären (Museumsausstellungen, Belletristik, Musik, Theaterstücken, Comics, Reenactment) wie neuen medialen Formaten (audio-visuelle Medien, Filmen, Online-Medien, Computerspielen) der Darstellung und Deutung des Ersten Weltkriegs.

- nach der Bedeutung des Ersten Weltkriegs für europäische wie für internationale Erinnerungskulturen.

Neben Beiträgen von Historikerinnen und Historikern sind solche aus der Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie/Volkskunde, aus der Geschichtsdidaktik, aus den Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaften aber auch aus anderen relevanten Disziplinen sehr willkommen. Zudem freuen wir uns speziell über Beiträge, die einen regionalen Fokus auf die Bodenseeregion, die Ostschweiz, den süddeutsch-badischen, den vorarlbergischen Raum oder den Kanton Thurgau richten. 

Die Tagung wird ausgerichtet vom Historischen Museum Thurgau und findet vom 15. bis 16. September 2016 im Bildungszentrum Adler in Frauenfeld (Schweiz) statt. Die zweitägige Wissenschaftstagung über die Geschichts- und Erinnerungskultur findet im Rahmen der Sonderausstellung «14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg» statt. Das Historische Museum Thurgau zeigt vom 17. März bis 30. Oktober 2016 diese Wanderausstellung zum 100-jährigen Gedenken des Ersten Weltkriegs und ist Gastgeber der Tagung. 

 

Für die Referierenden werden die Kosten für Reise und Unterkunft übernommen. Eine Tagungspublikation ist geplant.

Interessierte senden bitte ein Abstract zum geplanten Beitrag (max. 300 Wörter) und einen kurzen akademischen CV bis zum 30. September 2015 mit dem Betreff «Tagung Erster Weltkrieg» an historisches.museum@tg.ch.

Für weitere Informationen und bei Fragen wenden Sie sich an Konrad Kuhn
(konrad.kuhn@unibas.ch)